Louises Geschichte

Am 1. Dezember 2004 erhielt ich am Nachmittag einen Anruf meiner Kollegin Anne, die mich mit völlig verschnupfter Nase darum bat, für sie einen Interviewtermin in Paris wahrzunehmen. Ich müsste allerdings sofort meinen Koffer packen, damit ich die Abendmaschine noch erreichen würde. Hoch erfreut über diesen kleinen Kurztrip sagte ich alle Termine für die nächsten Tage ab, packte meine Reisetasche und begab mich zum Flughafen.

Gut gelaunt kam ich in Paris an und checkte in meinem Hotel in Saint Germain ein. Mein Programm für den nächsten Tag sah vor, dass ich bereits um 11.00 Uhr einen ersten Termin wahrnehmen musste, und so erlaubte ich mir an diesem Abend nur einen kurzen Spaziergang zur nahe gelegenen Ile St. Louis. Ich steuerte eine Bank direkt an der Westspitze der Insel an, meinem Lieblingsplatz während meiner Studienzeit. Hier kann man direkt am Wasser sitzen und den phantastischen Blick auf die gegenüber liegende Ile de la Cité und die Silhouette von Notre-Dame genießen. Ich setzte mich auf die Bank, und es dauerte nicht lange, bis ich die Erinnerung an meine Studentenzeit, an meine damaligen Freunde und an die letzten aufregenden Tage, kurz vor meinem Weggang nach London, wieder vor Augen hatte. Wie war das damals noch gewesen?

Ich hatte meine Wohnung bereits an den Vermieter zurück gegeben und war bis zu meiner Abreise bei einer Freundin untergekommen. Eines Abends, wir schauten uns auf der Vernissage eines gemeinsamen Freundes um, lernte ich diesen Architekten kennen.

Christoph war ein gut aussehender großer Typ mit dunklen Locken und einem herzlichen, unwiderstehlichen Lachen. Irgend etwas Magisches passierte damals mit uns, denn wir ließen uns wider besseren Wissens auf eine völlig aussichtslose Geschichte ein und verliebten uns Hals über Kopf ineinander. Dabei war klar, dass der Countdown bis zur Abfahrt meines Zuges bereits lief. Für eine kurze Woche waren wir unzertrennlich. Doch am Ende entschied ich, nicht meinen Gefühlen nachzugeben, sondern „vernünftig“ zu sein und meine Karrierepläne zu verfolgen. Am Tag meiner Abreise war ich mir meiner Entscheidung dann plötzlich doch nicht mehr so sicher. Einerseits lockte London mit einem Traumjob, andererseits hatte ich das Gefühl, einen riesigen Fehler zu begehen – möglicherweise den Fehler meines Lebens. Vielleicht war Christoph meine große Liebe und ich trat mein Glück mit Füßen. Es war schrecklich, und als mich Christoph zum Abschied in den Armen hielt, versuchte ich mir einzureden, dass – wenn das Schicksal es nur wollte – wir den Kontakt zu einander halten würden. Schließlich lag London nicht am anderen Ende der Welt und außerdem gab es ja Telefone. Doch es kam alles anders. Mit meinem Entschluss tatsächlich nach London zu gehen, hatte ich meinem Leben eine völlig neue Richtung gegeben, und so kam es, dass wir uns entgegen aller Pläne nie wieder sahen.

Ich saß Gedanken versunken etwa eine halbe Stunde auf der Bank, bis es mir schließlich zu kalt wurde und ich mich mit leicht melancholischen Gefühlen auf den Rückweg begab. Im Hotel angekommen ging ich nicht gleich auf mein Zimmer, sondern bestellte ein Glas Rotwein an der Bar, um mich auf andere Gedanken zu bringen und um mich vor dem Kamin noch ein wenig aufzuwärmen. Der Ober reichte mir mein Glas, und als ich mich umdrehte, kollidierte ich unerwartet mit einem Typen, der hinter mir stand. Der Wein schoss im hohen Bogen über den Rand des Glases und verursachte einen Fleck auf dem Tweedjackett meines Gegenübers. Es war mir sehr unangenehm. Doch als ich mich entschuldigte und anbot, die Kosten für die Reinigung zu übernehmen, lachte mein „Rotweinopfer“ mich nur freundlich an und versicherte mir, dass ich mir um sein altes Jackett keine Sorgen machen sollte, schließlich wäre es seine eigene Schuld gewesen, er hätte sich nicht einfach so von hinten anschleichen dürfen.

Er bestellte mir kurzerhand ein neues Glas Wein und sich einen Whiskey, und ich dachte für mich, dass er nicht nur sympathisch aussah, sondern dass auch eine starke Anziehungskraft von ihm ausging. Während wir auf unsere Getränke warteten, bemerkte ich, wie er mich verstohlen von der Seite anschaute, bis sich unsere Blicke kreuzten und er mir etwas zu lang in die Augen sah, ganz so, als suche er etwas. Es war nur ein winziger Moment, und doch werde ich ihn nie wieder vergessen. Denn plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Dieser Mann war genau jener Christoph, den ich vor langer Zeit am falschen Ort zur falschen Zeit kennen gelernt und zugunsten meines Jobs aufgegeben hatte.

In den vergangenen Jahren, und zwar meist, wenn ich wieder einmal von einem Ort zum anderen zog, hatte ich mich manches Mal gefragt, was wohl aus ihm geworden war und wie sich mein Leben gestaltet hätte, wäre ich damals nicht weggegangen. Wären wir zusammen geblieben oder wäre unsere Liebe nur von kurzer Dauer gewesen?

Und nun dies. Die ganze Situation war völlig verrückt. Nicht ich, sondern meine Kollegin Anne hätte normalerweise an diesem Abend in Paris sein sollen. Und wäre ich nicht noch auf einen Drink in die Bar gegangen, um meine melancholischen Gedanken an längst vergangene Zeiten zu vertreiben, dann wäre ich nicht im wahrsten Sinne des Wortes — in ihn hinein gelaufen. Das musste einem größeren Plan folgen. Das konnte kein Zufall sein. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte ihn, ob er Christoph hieße.

Es folgten für mich unglaubliche Stunden, Tage und Wochen, die heute darin münden, dass ich mich als glücklichste Frau der Welt fühle, denn Christoph und ich wollen heiraten. Wir glauben, das Richtige zu tun, denn unsere Liebe hat ja schon eine langjährige Bewährungsprobe hinter sich. Und da sie diese Belastung ausgehalten hat, glauben wir daran, dass sie auch stark genug sein wird, uns bis ans Ende unserer Tage zu begleiten.

Christophs Geschichte

Im Dezember 2004 hat eine höhere Macht beschlossen, uns noch einmal eine zweite Chance zu geben und dafür gesorgt, dass wir uns zehn Jahre nach unserem ersten Kennenlernen zufällig in Paris wieder in die Arme laufen.

Weder Louise noch ich hätten überhaupt in Paris sein sollen. Louise war unerwartet als Ersatz für eine erkrankte Kollegin nach Frankreich geschickt worden, und ich befand mich auf dem Rückweg von Nizza nach München. Ich hatte meiner Mutter beim Umzug geholfen und war nachmittags in den TGV gestiegen. Doch wie schon so oft befanden sich die Bediensteten der SNCF wieder einmal im Streik, wodurch mein Zug verspätet in Paris eintraf. Ich verpasste meinen Flug nach München und musste zwangsweise einen Zwischenstopp einlegen.

An dem Abend war Paris aus irgendeinem Grund komplett ausgebucht. Und erst nach langem Suchen gelang es mir, im Hotel Christine ein Zimmer zu ergattern. Ich war mittlerweile todmüde und sehr froh, endlich meine Koffer auf meinem Zimmer abstellen zu können, weshalb ich ganz untypisch für mich entschied, das Hotel an diesem Abend nicht mehr zu verlassen und stattdessen an der Hotelbar etwas zu bestellen.

Als ich in an die gut besuchte Hotelbar trat, stand sie direkt vor mir und nahm gerade vom Barkeeper ihren Drink in Empfang. Sie drehte sich um und stieß versehentlich mit mir zusammen. Dabei entleerte sich der Inhalt ihres Glases auf mein Jackett. Ich schaute in ihr erstauntes Gesicht und hörte, wie sie sich bei mir mit sehr viel Charme in perfektem Französisch entschuldigte und anbot, die Kosten für die Reinigung zu übernehmen.

Ich schlug das Angebot jedoch aus und orderte ihr im Gegenzug einen neuen Drink. Ich tat das nicht nur, weil ich sie äußerst attraktiv fand, sondern weil ich das Gefühl hatte, diese hübsche Blondine schon einmal gesehen zu haben. Sichtlich erleichtert darüber, dass ich wegen des kleinen Missgeschicks keinen Aufstand gemacht hatte, bedankte sich Louise für den Drink und schenkte mir dabei ein wunderbares Lächeln. Und plötzlich wusste ich genau, woher ich sie kannte.

Unsere Wege kreuzten sich das erste Mal 1994. Wir waren Mitte Zwanzig und lebten beide in Paris. Louise saß damals allerdings auf gepackten Koffern, um nach London zu ziehen, wo sie einen aussichtsreichen Job in der Redaktion eines Nachrichtenmagazins angenommen hatte. Wir lernten uns auf einer Ausstellungseröffnung kennen und hatten wohl das, was man eine kurze und stürmische Affäre nennt. Doch trotz aller Versuche, die ich damals unternahm, um sie davon abzuhalten, nach London zu gehen, stieg sie an einem trüben Morgen im Dezember in einen Zug und verließ Paris in Richtung Calais. Obwohl wir uns damals versprachen, Kontakt zu halten und uns bei nächster Gelegenheit zu besuchen, verloren wir uns aus den Augen.

Das war vor 11 Jahren, und das Schicksal wollte es wohl, dass wir in dieser kleinen Hotelbar erneut aufeinander trafen. Louise hielt ihr neues Glas Rotwein in den Händen, und ich war mir sicher, dass sie mich nicht erkannt hatte. Ich überlegte mir gerade, ob und wenn ja, wie ich mich zu erkennen geben sollte, als sie es war, die mir das Spiel aus der Hand nahm und mich unvermittelt auf Deutsch fragte, ob ich Christoph hieße.

An diesem Abend saßen wir bis drei Uhr früh in der Hotelbar und erzählten einander, was sich in unser beider Leben ereignet hatte. Es war als hätten wir ein Buch genau an der Stelle wieder angefangen zu lesen, an der wir es Jahre zuvor zugeschlagen hatten. Was dann folgte ist für mich immer noch wie ein Traum. Ich verschob meinen Rückflug nach München und traf mich die nächsten Tage immer wieder mit Louise. Den Rückflug nach München traten wir bereits als Paar an, und es dauerte nur kurze Zeit, bis wir uns unsere erste gemeinsame Wohnung nahmen. Heute nun, etwa ein Jahr nach diesem denkwürdigen Zusammentreffen, haben wir uns entschlossen unser Glück offiziell zu besiegeln und Euch über unsere Hochzeitspläne in Kenntnis zu setzen.

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